In Mensch und Pferd gibt es eine natürliche Tendenz, das innere Gleichgewicht zu suchen, um sich darin wiederzufinden, zu erleben und neu zu entdecken.

Milan

 

28. 11.06

Es ist ein trüber Novembertag, in der Nacht hat es etwas geregnet.         Heute um 11.00 habe ich wieder einen Reittherapie-Termin.

Es ist das 6. Mal., dass ich zu Leyla und Milan fahre.

 

Ich freue mich, bin schon durch die Vorfreude etwas aktiver am Vormittag. Da ist etwas Kraft zu spüren im Gegensatz zu manchen Tagen, an denen ich im Moment mit viel depressiver Schwere zu kämpfen habe.

 

Wir fahren gemeinsam zum Reiterhof - es ist schön, Leyla zu sehen.

Ich kann ihr erzählen: zuerst von meinem Schäfer, dann von der Therapie-stunde gestern bei Birgit S. Ja, sie spürt mit, den Tanz und das Aussehen von Manie. Kann erkennen, dass ich da eine wichtige und tiefe Erfahrung machen konnte und rät mir, in einem nächsten Schritt auch mit der Depression zu kommunizieren....

 

Am Reiterhof angekommen ---

Milan steht mit anderen Pferden im offen-Stall. Ich kann ihn streicheln und sein weiches Maul knabbert und leckt meine Hand. Erkennt er mich schon? Ich glaube wohl, und Leyla sagt: "Er erkennt dich!" Wir striegeln und putzen ihn gemeinsam. Was wünsche ich mir heute von ihm ? Ich spüre hin - warte was sich zeigt. Es ist nur ein schwacher Impuls: ich möchte mich anlehnen.

 

Milan ist etwas unruhig und Leyla meint, sie will ihn erst mal longieren und austoben lassen. Auf dem kleinen Reitplatz arbeitet sie mit ihm. Erst langsam, dann zeigt er voll seine Wildheit und galoppiert, rast herum, scheut, galoppiert, ändert die Richtung auf Leyla's Anordnung. Sie hat ihn gut im Griff, doch für mich, die so nah am Rand steht ist das alles schon sehr wild. Hinter einer Begrenzungsstange stehe ich in schlechter Deckung. Leyla zeigt mir, dass ich mich nicht fürchten muss.

Als er ruhiger ist gehe ich mit auf den Reitplatz - doch das Führen durch mich geht nicht. Wir gehen zurück auf den Paddock.

Hier steht Milan, jetzt ganz ruhig. Sein Fell ist feucht geschwitzt, er riecht so gut nach Pferd.

Ich stehe ganz dicht bei ihm und mir wird meine Zittrigkeit deutlich. Ja, meine Hände sind zittrig und kalt, mein ganzer Körper ist angespannt. Was ist das für eine Anspannung? Egal, sie ist jetzt einfach so stark da, und ich nehme sie wahr.

Leyla fordert mich auf, alles an Spannung an den Boden abzugeben oder an Milan weiterzugeben, der es dann abgibt. Ich lehne mich an ihn. Mein Oberkörper lehnt an seinem Bauch, mein Kopf lehnt sich an, ich lasse alles los,..... Atme mit ihm, und lasse mich halten von diesem wunderbaren Pferd,das in seiner vollen Kraft sich mir gezeigt hat und nun voller Ruhe für mich dasteht. Und dann, nach einer ganzen Weile, kommt ein Satz zu mir, so als hätte Milan ihn für mich gesagt: „Du kannst stehen!"

 

Ja, dieser Satz ist jetzt gerade ganz wichtig für mich. Es gibt in mir das kleine Kind, dass sich zitternd ängstigt und sich anlehnen möchte, doch da ist auch die erwachsene Frau, die die Kraft dieses Tieres bewundert, die in die Berührung und Nähe geht , die auf eigenen Füßen stehen kann.

Ja, ich kann stehen!       Danke Milan! Danke Leyla ! ! !

 

                                               --------------------------

Rückblick:

 

Erste Reit-Therapie-Stunde:

Milan ist sein Name

und er ist ein Schimmel-Wallach.......

Zusammen mit ca. 10 anderen Pferden steht er auf einer Koppel in Ihringshausen.

Die Sonne an diesem Spätsommertag taucht alles in ein wunderbares Licht!

 

Leyla holt Milan von der Koppel, und ich begleite sie. Als ein sehr großes anderes Pferd auf uns zukommt ist mir ein wenig mulmig zumute. Leyla scheucht es weg und zeigt mir, dass ich mich nicht ängstigen muss.

-Leyla sagt mir, dass es in dieser Reit-Therapie nicht darum geht, etwas zu schaffen und zu leisten, ich mich nicht anstrengen muss um etwas zu können, sondern wir können ganz kleine Schritte machen und mit dem gehen, was sich gerade zeigt.-

 

An einem separaten Platz wird Milan von Leyla gestriegelt. Ich schaue zu, dann sagt sie: „ Wenn du magst kannst du auch eine Bürste nehmen...." Und ich mag. Das erste Mal in meinem Leben striegel ich ein Pferd. ....... Wahrnehmen, fühlen, ganz dabei sein, voll im Kontakt mit dem, was ist... Dann bringt sie ihn auf den Reitplatz. Er geht weich und lammfromm mit. Steht ganz ruhig! Ich darf ihn nun noch genauer befühlen: seine Weichheit der Brust, den prallen runden Bauch, die Muskulatur der Oberschenkel, seine Kitzeligkeit unterm Bauch am Beinansatz, seinen breiten Rücken, seine Stirn und die weichen Nüstern, die großen weichen Lippen.... Welch ein wunderbares Geschöpf!

Dann sagt Leyla: „Wenn du möchtest, kannst du deinen Kopf anlehnen." Ganz vorsichtig und etwas zaghaft tue ich es, lehne meinen Kopf an seinen Hals. Er steht ganz still ! Jetzt atme ich noch tiefer seinen wunderbaren Duft ein und kann seine Wärme an meiner Wange spüren. Welch ein Geschenk!